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Städtebilder: W wie Wien
3 Mozart Clone unter sich
Frisch auf den Tisch  |  Herbst 2015:  
A  G´spür für Wien … hat einer, der "lebend hinter seiner eigenen Leiche geht".
Franz Grillparzer hatte es. Stefan Zweig ebenso.
Das unsterbliche Siebengestirn der Musik sowieso.
 
Selfie vor dem Schloß Schönbrunn 
Ein Tourist braucht es nicht. Der hat sein Touristen­pflichtprogramm: Hofburg, Stephansdom, Spanische Hofreitschule, Mozarthaus. Alles Wien - Innere Stadt: zu k.k. Zeiten zweiter bis neunter Bezirk. Von Stefan Zweig als Hort der Kleinbürger tituliert. Da war Schubert schon a scheene Leich, der im Sommer 1827 in der Dornbacher Straße 101 logierte. Reisende jedoch, auf der Suche nach diesem "G´spür", umgehen den erstarrten Buttercremeglanz der alten Habsburger Monarchie und steigen im 17.Bezirk ab: Hernals. Gen Ende des 19.Jahrhunderts äußerer Bezirk des Proletariats und der „Zuagrasten“ aber auch
 
Sozialer Wohnungsbau in Wien Hernals 
Vergnügungsort für Bohémiens, Schrammelmusiker, Kokotten und Wiens "gute Gesellschaft". Letztere zumeist incognito versteht sich. Fiaker des Hoch- und Hofadels, der Diplomaten und Hofschranzen biwakierten anno dazumal vor zünftigen Gaststätten, Heurigen, Volkstheatern und leichtlebigen Etablissements wie heutzutage vor der herausgeputzten Hofburg während der Touristensaison. Zum Beispiel das herzogliche Gespann von Franz Ferdinand, Thronfolger und passionierter Großwildjäger, dessen pathologischer Schießwut bekanntlich ein Attentäter in Sarajewo ein Ende setzte.
 
Pompfüneberer auf dem Hernalser Totenacker  
Womit wir beim Pompfüneberer angelangt sind. So einer tummelt sich auf Friedhöfen und begleitet die armen Seelen auf ihrem letzten Weg. Eine der ersten Exkursionen führt uns infolgedessen auf den Hernalser Totenacker. Hier ruht ehrenhalber auch Josef Bratfisch, Fiaker des feudalen Massenschlächters. Sowie die mit nur 43 Jahre dahingeschiedenen, stadtbekannten Geigenbrüder Johann und Josef Schrammel, Namensgeber der typischen Wiener Musikgattung, die Äonen vor Woodstock die Gemüter
 
Schrammelmusik nach Woodstock  
in Wallung brachte. Überhaupt befindet sich vor dieser abschüssig steilen Ruhestätte, einem ehemaligen Hang für Rebensaft, eine, man höre: eine Flugschneise für Vampire quer durch den Bezirk. Und für "Garten­guerillas" oder solche, die es werden wollen:
 
Gartenguerillas für einen weitläufigen Gemeinschaftsgarten 
ein weitläufiger Gemeinschaftsgarten, der, nur wenige Schritte vom Friedhof entfernt, mit seiner herbstlich feurigen, üppig vergänglichen Blütenpracht ans verlorene Paradies erinnert. Spätestens jetzt kribbelt es einen schaurig wohlig über den Rücken dieses "G`spür für Wien", das so vielen Apologeten der
 
Urania Sternwarte in der Uraniastraße 1 | 1010 Wien 
Geistesgeschichte ein Ehrengrab in freier Natur widmete. Wie auch Jean-Jacques Rousseau, dessen Weihestätte, ein schlichtes Felsgestein, unkrautüber­wuchert im kühlen Wiesengrund im Schwarzenberg­park ruht. Ende des 18.Jahrhunderts als englischer Landschaftsgarten von Feldmarschall Franz Moritz Graf Lacy angelegt, ist dieser ca. 10 km lange Rundwanderweg durch den Wiener Wald gerade auch für ansonsten an Computer und Maus angedockte Tagelöhner die richtige (Tor-)tour um wieder ein G´spür für das zu bekommen, worauf man gefühlsroh sitzt. Danach (ca. 3 Std. später) tragen einen heimlich gehegten Gelüste wie von selbst in ein auf Tradition bedachtes Wirtshaus (Brandstetter), um sich jene zuckerbestäubte Leibspeise seiner Majestät Franz Joseph einzuverleiben, die nach ihm simpel Kaiserschmarrn heißt.
 
Eines der vielen Buchantiquariate in Wien 
Kein Schmarrn ist, was Stefan Zweig über den langlebigen Regenten der Habsburger Dynastie in seinem 1944 posthum erschienenen autobiographi­schen Werk "Die Welt von Gestern" schreibt: "… der in seinen 80 Jahren nie ein Buch außer dem Armeeschematismus gelesen oder auch nur in die Hand genommen, bezeigte sogar eine ausgesprochene Antipathie gegen Musik." Dass er bei seinen Untertanen trotz alledem beliebt war, ist kein "Schmee" (Lüge). Nicht zu verwechseln mit dem unvergleichlichen "Wiener Schmäh", der selbst den Tod auf die Schippe nimmt.