kulTisch Logo
kulTisch Suche: 

AKTUELL:


Ein Kunstmärchen
von Beaesef
Frisch auf den Tisch  |  Winter 2015/16:  

 
Die Luke zur Zeitkapsel öffnet sich, ich steige ein und gleite durch das Ausstellungsprojekt Wie leben der BASF. Der weltbekannte Chemieriese verspricht eine Reise durch das 20. Jahrhundert, dessen Exponate die Fantasie des Betrachters auf produktive Weise beflügeln.
 
Ten, nine, eight … zero. Willkommen in Digital Age, Station XX, 1st Floor. Steriler, abgedimmter Raum. Wandprojektionen. Mein Blick verweilt auf zwei
 
Bjork - All is Full of Love -  Musicvideo (Director: Chris Cunningham)
Hel, der Robot aus Fritz Langs
 "Metropolis" 1927
 
Androidinnen beim Liebesspiel, gleitet sodann zu einer vertikalen Stele, auf der sich in endloser Wiederholung Tausende von Bildpixeln zu einer sitzenden Figur zusammensetzen, um sofort wieder zu zerfallen. Le Penseur, denke ich und schon huscht der Schatten meines Shuttle über eine aus Papierschichten geformte Wand, während aus der Soundbox die Flüsterstimme eines Klons ein Disappear completely … Disappear completely … Disappear raunt, dessen Gesicht über meinen linken Bildschirm flimmert.
  
Beim Thema The City of Future in Film drücke ich auf copy und lasse mich zur nächsten Station navigieren. Die in Videosequenzen gezeigten Dystopien Logan´s Run, Blade Runner oder den märchenhaften Plot The Fifth Element werde ich in voller Länge privat per Video-Streaming konsumieren.
  
Metropolis des Wiener Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahr 1927, der erste Science-Fiction-Film in Spielfilmlänge, zählt zu den wichtigsten Filmen der Filmgeschichte.
  
Die Großstadtvision Metropolis (1926/27) von Fritz Lang prophezeite schon 1926 Megacities und die Steuerung des Individuums durch futuristische Maschinen.
 
Station XVI, 1st Floor, Das Do-it-yourself Social Design klicke ich weg. Recycling von gebrauchten Rohstoffen ist zwar das Gebot der Stunde, aber justement nicht beflügelnd. Obwohl der wabenförmig gefaltete und in Form gesessene Honey-pop chair von Tokujin Yoshioka Furniture-Klassiker wie Mies van der Rohe´s Barcelona Chair MR 90 (1929-30) oder Marcel Breuer´s Wassily Chair (1925-26) glattweg in den Schatten stellt. Ich unterbreche den Vortrag meines Audio-Guide.
 
Skyline Dubai | Shanghai | Kuala-Lumpur
  
Station XVII, ebenfalls 1st Floor, The City of Future…, die Hochhaus-Skylines von Dubai über Shanghai bis Kuala Lumpur spiegeln wenig von dem Smart City-Konzept der Asian Cairns in Shenzhen eines Vincent Callebaut. Doch dieses Projekt und die abgebildeten Ikonen der Macht sollte man sich im Web anschaun. Fotopräsentation ignorieren, weise ich infolgedessen meinen Guide an.
 
Guy Debord -  "Ne travaillez jamais" aus dem Jahr 1953  
Ne travaillez jamais. Der Bildschirm zeigt ein Graffiti nach Guy Debord aus dem Jahr 1953. Arbeitet nie, Schafft die Kunst ab, lautete die Parole einer anarchistischen (Künstler)Gruppe. Ich gebe den Befehl Drucken, um mich sogleich an die Urgeschichte der Moderne zu erinnern, als die Gestalt des Flaneurs, dem Walter Benjamin ein grandioses Denkmal setzte, noch angesagt war.
 
Okay. Basement: Plastic/Fantastic, Die 60er plus 70er im Basement kann ich links liegen lassen. Wohnträume aus Schaumstoff, Nylon, Polyäthylen und knallbuntes Geschirr aus Melaminharz (Werbeslogan der BASF-Lifestyle-Zeitschrift: leben mit LURAN)
BASF-Lifestyle-Zeitschrift: "leben mit LURAN" fanden sich in jeder WG … Ich drehe den O-Ton lauter: Die Gegenentwürfe der revoltierenden Jugend waren dergestalt, dass sie nichts weniger als eine neue Gesellschaft in ästhetischer, politischer und sozialer Hinsicht forderten. Und hier trafen sie sich mit den Protagonisten der russischen Avantgarde, die auf eine sozial-ästhetische Utopie setzten, in der die Kunst und das Leben eng verschmelzen.
 
Ja, so war das damals, seufze ich zustimmend und zoome die Entwürfe Malewitschs, und das Wolkenbügel-Projekt von El. Lissitzky heran, um es en detail zu betrachten. Wunderschön. Dass sich in realita die kosmischen Satellitenstädte, Aero-Cities als Totalitarismus in Stahl, Glas und Beton entpuppten, und das kollektive Erlösungsversprechen in Terror mündete, erlebte Malewitsch nicht mehr. Geblieben ist von der Absicht der Zwangsbeglückung die reine Form, das Schwarze Quadrat.
 
   
         
   
         
   
         
         
         
         
         
         
Impressionen der Ausstellung als Slideshow
Wie möchten Sie leben?, fragt mich mein Audio-Guide am Ende der Space-Tour und ich antworte, ohne lange zu überlegen: Ich möchte in das Modell von Sou Fujimoto, das nur aus Blättern besteht, einziehen.
 
P.S.: Dass der Katalog die Filmausschnitte (Mon Oncle und Playtime) von Jacques Tati nicht erwähnt, hätte Tatis Alter Ego Hulot sicherlich Vergnügen bereitet.