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Farewell Photography

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Frisch auf den Tisch  |  Herbst 2017:   
Farewell Aura – farewell Nature
Ich erinnere mich, also bin ich (EL 1984)

News Bots Prolog: Als die Sterblichen, der ewigen Intrigen, Rachegelüsten und Sexaffären müde, die griechischen Götterbilder stürzten, schickten ihnen die Olympier die Erinnyen. Die, des heiligen Hain verlustig gegangenen, stürzten sich in den Fluss der Unterwelt Mnemosyne. Der Furien Geschenk an das Wasser der Allwissenheit: Memes. Seither zirkulieren in diesem Strom von Geschichte und Gegenwart auch der Rachegöttinnen Gaben: Shitstorm, Fakenews und Hatemail.
Die 7. Biennale für Fotografie 2017 mit dem Titel "Farewell Photography" präsentiert acht Kapitel an sieben Orten, in drei Städten (Mannheim, Heidelberg, Ludwigshafen) und zwei Bundesländern. Sie fokussiert die aktuellen sozialen, journalistischen und künstlerischen Praktiken, nimmt "Abschied" von der klassischen Fotografie und von Autorenschaft im Sinne der Magnum-Fotografen. Rückt stattdessen verstärkt zeitgenössische performative und konstruierende Arbeitsweisen ins Blickfeld. Will den Begriff "Aktuell" als eine Qualität verstanden wissen, "die das Heute mit dem Gestern verbindet." Die Konzeption von Florian Ebner und Christin Müller (4 geladene Gastkurator*innen) ist der Versuch einer Bestandsaufnahme eines Mediums im Umbruch.

Die Fotografie ist kein codiertes Buch, das keiner lesen kann. Als jüngste der Schönen Künste avant la lettre agitiert sie ganz im beuysschen Sinne "Jeder ist ein Künstler", was der Ludwigshafener Kunstverein anhand seiner Ausstellung "Global Players" demonstriert. Zentraler Bezugspunkt: "Gastarbeiter"- Migration der 50er/ 60er-Jahre in die Industriestandorte der Rhein-Neckar Region. Gefragt nach privaten Bildarchiven dieser Zeit, meldete sich - `ausnahmslos´ - die Kindergeneration, die die Fotoalben ihrer Eltern sichtete. Serafettin Keskins in Projektion gezeigte Aufnahmen zeigen schlichte Alltagsszenen im Park, beim Picknick, mit Freunden. Stille, festgezurrte Augenblicke, die Sehnsüchte und Wünsche visualisieren. Serafettin Keskin Karneval in Ulm, 1963
© Familie Keskin Adressat: die zurückgebliebene Familie in der Türkei. Erinnerungsbilder, die den Betrachter seltsam berühren.  Zeit und Raum, wie von Zauberhand, zu einem Narrativ formen, das die den Schwarz/ Weiß Aufnahmen innewohnende künstlerische Qualität sichtbar macht. Automatisch erinnern die Bilder an die heute nahezu vergessene legendäre Zeitung für Fotografie der 80er "Volksfoto".

Doch zurück zum vielstimmigen gegenwärtigen User-Chor des Datenstroms aus Chats, Posts Hashtags, Selfies und Co. Ein Mausklick transferiert das isolierte Individium in den Showroom des Internets, das kontinuierlich zielgruppenspezifische Bilddaten generiert. Die Ausstellung "Andere Zeugen­schaften" im ZEPHIR in Mannheim zeigt u.a. eine Vielzahl Bilder des Deutschen Herbstes vor 40 Jahren: die Ermordung Benno Ohnesorgs, die 1980 im stern veröffentlichen Fotografien der "Todesnacht von Stammheim", den von der RAF entführten
Tod von Benno Ohnesorge , Krumme Strasse, Berlin 2.8.1967
Erkennungsdienstliche Aufnahmen der Berliner Polizei Schöneberg 9.8.1967
Hanns Martin Schleyer kurz vor seinem Tod. Bilder, die sich tief im kollektiven Gedächtnis verankert haben.

Unter dem Titel "Das stille Bild verlassen" präsentiert das Hackmuseum 14 Künstlerpositionen, die grenzüberschreitend mit digitaler Fotografie, Film, Projektion und Performance experimentieren: Yves Klein täuscht mit Bildmontage (1960) einen Sprung ins Nichts vor. Oscar Munoz´ Videoinstallation macht die Erinnerungsmechanismen von Fotografien sichtbar. Der für seine poetisch subversiven Arbeiten bekannte Marcel Broodthaers fertigt aus dem zweidimensionalen Bild eines Auges kurzerhand ein dreidimensionales Objekt, das schon 1966 die orwellsche distopische Zukunft vorwegnahm.
Oscar Muñoz Sedimentaciones, 2011 Videoinstallation, 40 Min., Tisch
© Oscar Muñoz, courtesy Oscar Muñoz und Mor Charpentier, Paris
"Und weil heute alles und jedes miteinander vernetzt ist, ist alles und jeder kontrollierbar." Algorithmen, Nullen und Einsen, Bots, Clouds, Metadaten und die AGBs der Internetgiganten regulieren die Welt der Sterblichen, vernetzen Herz und Hirn mit ihrer global ausgerichteten Firmenphilosophie. Daneben sieht die intrigante Götterwelt der Antike doch sehr blass aus.
Fazit
: Sterbliche, die ein Smartphone ihr eigen nennen, sollten alle 7 Stationen der Biennale absolvieren. Unbedingt jedoch die Ausstellung der Prinzhorn Sammlung, die die identitätsstiftende Frage stellt: "Wer bist du? und die Antwort gleich mitliefert: "Das bist du!"

Wer jedoch in sisyphus-artigem Abarbeiten den Printkatalog (27,-/29,80 €) durchackert, weiß, spätestens bei den Kapiteln "Widerständige Bilder" und "Kein Bild ist eine Insel", dass die vorgebliche Ökonomie des Teilens, das Sharing à la Uber oder Airbnb, ein Milliardengeschäft ist, weiß, dass geteilte Bilder Fluch und Segen sein können. Natalie Bookchin | My Meds, aus Testament, 2009-17 (Video-Still) Videoprojektion, Ton
Eva & Franco Mattes | Ceiling Cat, 2016 Präparierte Katze, Polyrethanharz, DeckenöffnungMit diesem Wissen verlässt der Besucher die letzte Station, den port25, den Raum für Gegenwartskunst vis-à-vis eines Flusses. Bereits auf der Türschwelle stehend, hallt, wie von weither, ein Echo: "… Leb´ wohl." Der so von einer Nymphe Beklagte, erinnert sich der Besucher, wurde von einer der Rachegöttinnen in eine Narzisse verwandelt.
Beim Zeus, das will kein unsterblich (wenn auch nur in sein Smartphone) Verliebter wirklich.

Farewell Photography
Bienale für aktuelle Fotografie 2017
Mannheim Ludwigshafen Heidelberg
09/09 – 05/11/2017