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Sommer 2019






 
"Das Van Gogh-Syndrom von Künstlerviten"  
SOCHI Olga Egorova, Jahrgang 1981, lebt mit ihrem Partner in Sochi (dt. Sotschi). Beider Profession: Die Malerei. Bevor sich Olga dem Malen zuwandte, studierte sie Philologie an der Staatlichen Universität Sochi. Im Jahr 2005 begann sie ein Studium im Kunststudio "Rotes Quadrat" bei Oleg Korchagin. Studienabschluss 2010. Seit 2012 Mitglied der Kunstgruppe Sacrum. Olga Egorova absolvierte also wie ihre Kolleginnen aus Maastricht und Wien eine klassische akademische Ausbildung.  Sie operiert mit klassischen Werkstoffen ebenso autonom, wie die Malerfürsten der Gründerzeit. Und wie ihre malenden Zeitgeistgeschwister, tastet auch sie sich ganz unerschrocken, an optische Sequenzen heran. Dabei interessiert sie nicht eine höhere Qualität der Bildschärfe, brillante Farbwiedergabe, über die heute alle Amateurkameras verfügen, sondern das Experiment mit der Vorstellungskraft. Das Zauberwort: Oberflächensichtbarkeit.

Sochi, Perle am Schwarzen Meer genannt, eine Kurstadt mit Palmenhainen, supermodernen Hochhäusern und of course Mac Donalds. Und eines der beliebtesten Reiseziele der Russen, resp. der Reiselustigen, die über die nötigen Rubel für die "russische Riviera" verfügen. Vom Badeurlaub über Skifahren bis hin zu Kuraufenthalten reicht die Palette möglicher Freizeitaktivitäten. Dazu nahezu mediterranes Klima und ein Nationalpark, märchenhaft schön am Fuße des Kaukasus gelegen. Das hat Sochi einen wahren Bauboom beschert.
Das klingt nach einem Paradies für die Schönen Künste, bzw. für deren Akteure: Reiches Klientel, das kunst- und kaufinteressiert die Ateliers stürmt und durchstöbert. Doch Fehlanzeige. Ein Künstler, der eben nicht zum Kanon der Kunstgeschichte gehört und für hohe Preise gehandelt wird, muss die (leidige) materielle Voraussetzung für seine luxuriöse Künstlerexistenz anderweitig generieren. Olga übernimmt neben Lyrikübersetzungen, zusammen mit Olek existenzsichernde Auftragsarbeiten. Letzte Order:
Exakte Kopien nach bekannten Gemälden von Vermeer, van Gogh, Monet etc. Brotjobs, die das Überleben ermöglichen.

Überhaupt das Atelier!
Sochis Kunst und Kulturszene trifft sich bei Olga und Olek. Ihr Atelier ist alles in einem: Arbeits-, Ausstellungsort und Experimentierlabor.Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gingen von den russischen Künstlerateliers, wichtige stilprägende
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Aktivitäten und Initiativen, aus. Malewitschs 1913 in Öl auf Leinwand gemaltes "Viereck", die Ikone des 20.Jahrhunderts, gibt’s in vielerlei Gestalt. Furore erregte 1915 die in Petrograd in der Ausstellung 0,10 gezeigte "Fläche auf weißem Grund" nicht. Die präsentierten Arbeiten sowie die seiner Künstlerkollegen, der Crème de la Crème der russischen Avantgarde, wurden allesamt von der konservativen  Kunstkritik verrissen. Selbst ein Malewitsch musste sich mit diversen Jobs über Wasser halten. Auch wenn bei ihm das "Van Gogh-Syndrom", wonach der wahre Künstler als "verkanntes Genie" erst von späteren Generationen verstanden wird, hier voll und ganz ins Schwarze trifft.
Mailart
Was Olgas Mail-Art-Arbeiten betrifft, die im Rahmen der Ausstellung GRENZGÄNGE des deutsch-russischen Kulturprojektes QUATTROLOGE 20PLUS in der Rudolf-Scharpf-Galerie erstmalig gezeigt wurden, schrieb Dr. Lida von Mengden vom Wilhelm Hack Museum, Ludwigshafen, im Katalog GRENZGÄNGE, 2016:
"Im Zentrum von Olga Egorovas künstlerischem Werk steht das Porträt, daneben entstehen Fotografien, dazu Mail-Art-Karten [...] Die Porträts zeichnen sich durch einen stark skizzierenden zeichnerischen Stil aus, der trotz der formalen und farblichen Reduktion […] die jeweiligen Eigenheiten der Persönlichkeit treffsicher und ausdrucksstark […] erfasst. Ein expressiver Gestus prägt die mit schnellen (Pinsel-)Strichen auf das Blatt oder die Leinwand gesetzten Gesichter von Freunden, Künstlern, Literaten und Musikern.
Die Mail-Art-Arbeiten sind zumeist Bild-Text-Collagen mit aus Zeitschriften u.ä. ausge­schnittenem Material, das sie durch Über­malungen und die Zusammen­stellung der Bild-Zitate ironisch, zum Teil auch kritisch ver­fremdet, so dass die Collagen weit mehr als nur witzig-dadaeske Kommentare darstellen."


Olgas und Olegs Antworten auf unsre Digitalära gleichen den Guusjes und Gerards. Vernetzung sowie Präsenz auf Social Media (Facebook & Co.) Lediglich die Vorliebe für bestimmte Kanäle variiert. Auch sie geben Kunstkurse. Vertauschen im Sommer das Atelier mit der Freiluft. Angesagt ist dann Pleinairmalerei. Ein Relikt der Romantik, als Naturstudien unter natürlichen Licht- und Schattenverhältnissen à la mode geworden. Gegebenheiten, die die stimmungsvolle Landschaft rund um Sochi überaus freizügig offeriert! Malfertig müssen sie nur noch auf Leinwand übertragen werden.
Pleinairmalerei

Info: noch bis 10. August 2019 sind bei "Franz-und Lissy" in Ludwigshafen Olga Egorovas "Porträts", Arbeiten auf Papier, zu sehen